Storys

Kurzgeschichte: Aufgeräumt!

Es wird kälter. Das Licht um mich herum dämmrig, ich kann kaum etwas erkennen. Ich habe mir diese Seziersäle immer heller vorgestellt, so wie im Fernsehen. Weiße Kachelwände, viel Raum, ein sauberes Vorzimmer des Todes. Jetzt, da ich selbst hier liege, bin ich enttäuscht. Alles ist irgendwie farblos. Ich liege auf einem einfachen Esstisch, das Holz ist hart, es riecht nach Essig. Ich wittere Betrug.
Wenigstens stimmt es, dass man sich selbst von außen betrachtet. Ich schwebe über meinem nackten Körper, in den Einstichwunden in meiner Bauchgegend, drei Stück, steht das Blut, noch nicht geronnen. Die Haut hat man achtlos abgewischt, es sieht aus, als ob ein Maler schlampig gearbeitet hätte.
Daneben, auf einem hüfthohen Beistelltisch, das Werkzeug. Auch nicht etwa in einer sauberen Nierenschale, sondern einfach nur auf einem Küchentuch ausgebreitet. Die Säge, der Hammer, das Skalpell. Mein Gott, können die nicht mit etwas feineren Sachen arbeiten? Ich frage mich, wann der Forensiker endlich kommt? Soll ich hier denn ewig liegen? Wenigstens habe ich Zeit, mich ein wenig umzusehen. Statt mit schönen, weißen, sterilen Kacheln, sind die Wände nur mit grauem Putz versehen. Links und rechts von mir Regale mit beschrifteten Kisten. An meinem Kopfende, die Tür. Zu meinen Füßen das Fenster, kurz unter der Decke. Nur eine kleine Luke, in die fahles Licht von Außen hinein sickert. Es muß früher Morgen sein, genau kann ich es nicht sagen.
Die Kisten in den Regalen stehen sauber und ordentlich nebeneinander, nichts Unnötiges liegt auf dem Boden herum. Ein schöner Arbeitsraum! Erinnert mich ein wenig an unseren eigenen Keller, zu Hause. Wir hatten da ja unsere Aufteilung. Ihr oblag die Ordnung im Haus. Mein Revier war der Keller. Hier machte ich die Regeln.
Regeln sind ja für den gemeinschaftlichen Umgang unerlässlich! Man stelle sich vor, der Nachbar würde einfach in meiner Einfahrt parken? Ich müßte dann den Wagen mit einem Baseballschläger demolieren. Er käme dann sicherlich mit einer Knarre. Und am Ende? Dritter Weltkrieg!
Meine Frau immerhin konnte ich im Lauf der Jahre davon überzeugen, meine Regeln zu akzeptieren. Was ein gehöriges Stück Arbeit war, das kann ich nur sagen. Aber ingesamt war sie ja ein gefügiges Ding. Und ich hatte ihr ja auch alles geboten, was man sich als Ehefrau wünschen kann! Ein sicheres Heim, einen treuen Ehemann! Und doch hat sie es mir nicht mit Dankbarkeit vergolten. Verlassen wollte sie mich sogar. So ein Witz. Mich verlassen!
Jetzt erkenne ich den Keller auch wieder, in dem ich gerade liege. Es ist weder der Seziersaal der Gerichtsmedizin noch die Kulisse einer TV-Serie. Dort steht der Stuhl. Die Hand- und Fußfesseln, die ich dort mit handwerklichem Geschick angebracht habe, sind offen. Meine Frau, die ich dort die letzten Monate versorgt habe, ist verschwunden.
Dann höre ich Schritte. Und ein seltsames Rumpeln. Irgendjemand scheint etwas die Treppen herunter zu rollen. Die Tür öffnet sich, meine Frau erscheint. Vor sich her rollt sie eine blaue Plastiktonne. Mager sieht sie aus. Aber irgendwie so fröhlich, so befreit. So habe ich sie tatsächlich lange nicht mehr gesehen. Ich weiß gar nicht, was mit ihr ist.
Wahrscheinlich wird sie nun gleich bitterlich weinend zusammenbrechen, wenn sie mich so starr und leblos dort liegen sieht. So jemanden wie mich wird sie so schnell nicht wieder finden. Am Ende meiner Tage bin ich zwar etwas zu Schaden gekommen, ich meine die drei Stichwunden, deren Herkunft mir weiterhin völlig schleierhaft ist, aber ich bin mir sicher, dass Gott der Herr seinen treuen Diener mit offenen Armen empfangen wird.